Wiking: Von gestern bis Heute

Was Sammler so fasziniert: Miniaturen von WIKING schreiben deutsche Autogeschichte

Der kleine Käfer misst drei Zentimeter und wirkt eher unscheinbar. Keine Verglasung, keine Bodenplatte. Nur abgeknipste Drahtachsen, die auf die vier klobigen Rädern aufgesteckt sind. Doch die Miniatur im Maßstab 1:100 aus den Jahren gleich nach der Währungsreform 1948 steht für den Modell-Mythos Wiking – der kleine VW aus den Nachkriegsjahren ist ein wirklicher Hingucker. Vielleicht so etwas wie ein modellbauerisches Denkmal. In den zurückliegenden 85 Jahren ist ein beeindruckendes modellbauerisches Gesamtwerk entstanden, das gleichsam ein Spiegelbild des deutschen Automobilbaus der Nachkriegszeit Deutschlands ist. Da werden Kinderträume und noch mehr Erinnerungen wach. Dabei hatte 1932 alles mit Schiffsmodellen im Maßstab 1:1250 begonnen, noch vor dem Krieg kamen Flugzeuge und Heeresmodelle in der Baugröße 1:200 hinzu.

„WM“-Signatur steht heute für leidenschaftliche Kinderträume

Wiking, Gama, Schuco oder Siku? Viel mehr Automodelle gab’s für die Kindergeneration der 1950- und 1960er-Jahre in den Glastresen der Spielzeughändler nicht – Faszination auf Augenhöhe. Kein Wunder, dass die Miniaturen mit der winzigen „WM“-Signatur („Wiking-Modell“) im stilisiert anmutenden Fahrgestell bis heute Kinderträume bedeuten. Und diese dürfen getrost dem Gründer der Berliner Modellbauschmiede Friedrich Peltzer zugeschrieben werden, der dem heute weit verbreiteten Miniatur-Maßstab 1:87 zum Durchbruch verhalf. Peltzer, der Wiking Modelle zum Mythos werden ließ, war ein Kind seiner Zeit. Am 5. Februar 1903 wurde er in Berlin geboren, sein Vater war Seeoffizier. Kiel wurde über Jahre hinweg zu seiner Heimat – an der Förde erlag er seiner lebenslangen Leidenschaft für die Seefahrt. Überraschend nah am Vorbild, aber immer stilisiert – so sahen Peltzers erste Schiffsminiaturen aus – der Modellbau wurde zur Leidenschaft und nach dem Start 1932 dann im Jahr 1936 mit dem Eintrag ins Handelsregister zur geschäftlichen Kernkompetenz. Nach dem Kriegs ging’s weiter. Aus Kunststoffresten wurden Kämme fürs Volk gespritzt, ab 1948 folgte die rasche Marktdurchdringung jener Automodelle, die heute viele tausend Sammler in Bewegung halten. Sie begeistert das Gesamtwerk in seiner facettenreichen Themenbreite – die Faszination der großen Welt der kleinen Miniaturen.

Söhne und Väter sammeln gleichermaßen

Die Authentizität der Wiking-Modelle war es in den 1960er-Jahren, die die damals schon verglasten Miniaturen populär machten. Aus Hilfsmitteln für die Verkehrserziehung in Schulen und Behörden waren in den Wirtschaftswunderjahren Deutschlands begehrte Sammelmodelle geworden. Noch Ende der 1970er-Jahre waren kleine, aber auch große Wiking-Sammlungen für Kleingeld zu haben. Wer damals zugriff, hatte in der Rückschau alles richtig gemacht und einfach Glück gehabt. Zumeist zementierten sich in dieser Zeit die Fundamente für bemerkenswerte Sammlungen. In den 1980er-Jahren pulsierte die Wiking-Begeisterung auf einen Höhepunkt zu. Friedrich Peltzer (†1981) erlebte den Boom seiner Wiking-Modelle noch als Modellmacher mit, gab das Zepter in seinen Werkstätten zeitlebens nie aus der Hand. Seine Modelle hatten das gewisse Extra, Modellexperten und selbst Designer der Automobilindustrie halten sie noch heute für unverwechselbar.

Modelle mit Kultcharakter: Sammelreiz der Generation 40+

 Die Modellhistorie, die Wiking schuf, lässt die Sammler bis heute nicht los. Der Reiz ist ungebrochen, zu viele Emotionen sind eben mit Wiking verbunden. Erlebnisse und unvergessliche Erinnerungen. Viele Sammler erzählen noch heute von ihren ersten Modellen, können sich an diese Begebenheit haargenau erinnern. Auch das ist Faszination. Gründer Friedrich Peltzer war jemand, den man auf Neudeutsch mit Fug und Recht einen „Markenmacher der alten Garde“ bezeichnen könnte. Er hatte die Produktphilosophie verinnerlicht – seine Marktforschung war der Dialog mit dem Sammler. „So einfach wie nötig, so filigran wie möglich“, das war sein Credo, das er mit jeder Miniatur immer wieder durchsetzte. Das zeigen die vielen Modellthemen, darunter auch Zubehör vom Verkehrszeichen bis zum vier Millimeter großen Reisekoffer.

Sieper steuert WIKING nach traditionsreicher Philosophie

Heute wird in Südwestfalen bei der Sieper-Gruppe – bekannt durch die Spielzeugmodelle der Marke „Siku“ – die Markenwelt von Wiking gesteuert. Alle zwei Monate kommen neue Exemplare in den Handel. Feuerwehrdrehleitern und Pkw, aber auch topaktuelle Schlepper oder Klassiker wie der legendäre Fendt Geräteträger. Und natürlich die begehrten Wiederauflagen längst vergessener Modelle. Dem alten Formenstahl sei Dank.